Tuesday, December 4, 2007

GEGEN GEHEIMNISSE
Aziz Al-Azmeh entmystifiziert moderne Islam-Diskurse


Von Dr. Ishrak Kamaluldin

Viele von denen, die uns heute in den Medien oder auf irgendeiner Party etwas vom Islam erzählen, gefallen sich in einer paradoxen Pose: Sie wissen äusserst beredet Bescheid über eine Sache, die sie gleichzeitig für absolut fremdartig, für letztendlich unverständlich erklären. Der politische Islamismus der Gegenwart wird ihnen identisch mit dem, was man schon früher über die Barberei der Araber und anderer Völker des Südens zu wissen geglaubt hat: Fanatisch religiös, archaisch primitiv, unfähig zu Demokratie und Vernunftdenken, rätselhaft irrational, eben grundsätzlich anders seien diese Menschen, von denen man am besten in Stammesbezeichnungen spricht, denn staatliche Verfassung und kapitalistische Wirtschaftsordnung, alle modernen gesellschaftlichen Institutionen seien ihnen wesensfremd und allenfalls oberflächlich aufgezwungen.
Aziz Al Azmeh, Professor für Islamwissenschaft in Exeter und Oxford, zur Zeit am Wissenschaftskolleg in Berlin, prüft die populären und die wissenschaftlichen Varianten dieser Diskurse vom Kultur-Anderen. Seiner Analyse und seinem Spott entgeht auch der nicht, der armselige Tautologien, die Simplizität des binären Denkens, Ahistorismus und pessimistisches Menschenbild mit philologischer Gelehrsamkeit oder Xenophilie verbrämt. Dort,wo Al-Azmehs philosophisch-begrifflich argumentiert, hat er es vor allem auf zwei heilige Kühe dieser Kultur-Diskurse abgesehen: den Begriff der ‘Authentizitat‘ und den Begriff der ‘Identität‘. Al-Azmeh rekonstruiert die Herkunft der damit verbundenen Vorstellungen aus dem modernen westlichen Irrationalismus, aus Denkhaltungen, die das Licht der europäischen Aufklärung seit über zwei Jahrhunderten als sein Schatten begleiten. Die Rede von Authenzität und Identität verdunkelt, dass alles Menschliche, auch die Religion historisch geworden ist und weiterhin dem geschichtlichen Wandel unterworfen bleibt. Sie huldigt einem primitiven Vitalismus, wenn sie vom angeblichen Wesen der Völker und der Nationen spricht. Gesellschaft und Staat werden als ein gemeinsamer Organismus verstanden. Und geschichtliches Denken verkommt zu Vorstellungen von einer dem menschlichen Handeln übergeordneten Naturgeschichte.
Aber Al-Azmeh beschränkt sich nicht darauf, die herkunft und die aktuelle Definitionsmacht der westlichen Rede von islamischer Kultur freizulegen. Ihn interessiert in gleicher Weise der realexistierende radikale Islamismus und dessen oft nicht weniger imaginäres Bild vom historischen Islam. Was zur Zeit in den nordafrikanischen Staaten, in Saudi-Arabien oder bei den muslimischen Minderheiten europäischer Großstädte geschieht, ist für Al-Azmeh nicht rätselhafte Wiederkehr des islamischen Wesens, sondern Element globaler Moderne. Der politische Islamismus, seine Organisationsformen, die sozialen Schichten, auf die er sich stützt, seine Ideologie und seine Moral sind historischen Ursprungs und damit rationellem Verständnis zugänglich. Knappe soziale und geistesgeschichtliche Analysen, zur Situation muslimischer Migranten in Grossbritannien, zur Entwicklung des islamischen Rechtsdenkens oder zum Zusammenhang zwischen arabischem Nationalismus und modernem Islamismus, machen schlaglichtartig klar, wie umfassend die Mystifizierung sowohl im westlichen Denken, als auch in der Propaganda der Islamisten ist. Al Azmeh legt die geistesgeschichtlichen Wurzeln der islamistischen Theorie frei und zeigt, dass sich der Denk- und Redestrom der Vorbeter nicht aus göttlicher Offenbarung und aus der Besinnung auf einen utopischen Ursprung, sondern aus banalen ideologischen Quellen des 19. Und des 20.Jahrhunderts speist.
Von den vielen Einblicken, die dieses Buch eröffnen kann, ist der Vergleich von islamistischem und reaktionärem westlichen Denken vielleicht der erschreckendste und erhellendste. Die Dunkelmänner beider Seiten gleichen sich in ihren Argumentationsfiguren und in der Nebulosität ihrer Begriffe zum Verwechseln. Beide instrumentalisieren in ihrem Populismus die Demokratie auf ähnliche Weise und auch ihr Begriff von politischer Aktion ist eng verwandt. Diese Zwillinge, die selbstverständlich nichts von ihrer Verwandschaft wissen wollen, kennen als gemeinsamen Feind die Einsicht in die Universalität und Historizität der Moderne. Sie wollen nicht wahrhaben, dass Nord und Süd trotz der Vielfalt der Phänomene und der Zeitverschobenheit mancher Entwicklungen längst ein gemeinsames geschichtliches Schicksal teilen.
Aziz Al-Azmehs schmales Buch gliedert sich in sieben äusserst dicht geschriebene Essays. Sie sind in ihrem gedrängten Gedankenreichtum nicht leicht zu lesen, bestechen aber sofort durch ihre leidenschaftliche Geistigkeit. Diese Texte sind ein wahres Gegengift gegen die verheerende Mischung aus intellektueller Lethargie und pessimistischem Fatalismus, gegen den zwiespältigen Kult des Primitiven und Ursprünglichen, der in den letzten Jahren die Rede von allem, was Islam heissen muss, erfasst hat.

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