Tuesday, December 4, 2007
Klatsth, Nekrophilie und Orientalismus
Adolf Opel „Ingeborg Bahmann in Ägypten"
Von Dr. Ishrak Kamaluldin
Es gibt sie noch die peinliche Bücher. Aber sie sind selten geworden im Zeitalter der Beliebigkeit. Wenn also eine literarische Peinlichkeit von grösserer Tragweite gelingt, sollte auf sie hingewiesen werden.
Der österreichische Autor Adolf Opel hatte vor drei Jahrzehnten eine Affäre mit Ingeborg Bachmann. Opel und Bachmann unternahmen während ihrer Beziehung eine Ägypten-Reise. Beobachtungen und Erfahrungen aus diesem Ägypten-Aufenthalt hat Bachmann in dem erst nach ihrem Tode veröffentlichten Romanfragment Der Fall Franza verarbeitet. Ihr Reisebegleiter und Liebhaber Adolf Opel macht nun im Bachmann-Jubilaumsjahr 1996 sein eigenes Buch aus seinen Erinnerungen an Ingeborg Bachmann und Ägypten.
Adolf Opel ist, ein alter Literat, und er beherrscht sein Metier. Der Text fingiert ein Tagebuch. Der erste Eintrag berichtet vom 5.1.64, von dem Nachmittag, an dem Opel die damals schon berühmte Autorin in Berlin kennenlernte. Die folgenden, Tagebucheinträge steuern mit stilistischem Raffinement und geschickten Verzögerungen auf eine Reihe von Enthüllungen zu. Die vom Autor besonders inszenierten lndiskretionen sollen auch in dieser Besprechung nicht verschwiegen werden: Max Frisch habe Ingeborg Bachmann seelisch fast zugrunde gerichtet, im Bett habe der berühmte Dramatiker und Romancier, laut Lebensgefährtin Bachmann, aber nicht viel zu bieten gehabt.
Bachmann, so Opel,träumte davon, von Strassenarbeitern vergewaltigt zu werden, konnte aber erst mit Autor Opel ihre masochistischen Neigungen lustvoll ausleben.
Dies und allerlei Klatsch kleineren Kalibers wird in halbverhüllender, halb exhibitionistischer Erzählung präsentiert. Opels darstellerisches Vorgehen ähnelt jener altmodisch lüsternen Pornographie, die immer noch einen letzten, allerdings durchsichtigen Schleier über die Blösse legt.
Opels Text, ein recht geschickt proportioniertes Gebäude aus intimem Tagebuch, Reiseerinnerungen und essayistischen Gedankengängen, ist nicht sehr lang. Mit Müh und Not hatte sich daraus ein schmales Grossdruckbändchen machen lassen. Aber der Vertag präsentiert einen grossformatigen, fast 200 Seiten starken Bildband. Ein Fotograf (Kurt- Michael Westermann) wurde ins heutige Ägypten geschickt, um Bilder von den Originalschauplätzen der True Story nachzuliefern. Auch die wenigen, eigentlich kümmerlichen materiellen Überbleibsel der Reise, wie Opels Reisepass, werden abgelichtet, um den Schein von Authentizität zu schaffen. Opels Text und die Fotos werden mit Textfragmenten Bachmanns, Flauberts und Friedells angereichert. Selbst Ingeborg Bachmanns Handschrift, kopiert aus einem Brief an Opel, erscheint, stark vergrössert, als Bild- und Texthintergrund. Gerade die bombastische Aufmachung des Bildbandes, sein Leineneinband, der Golddruck seines Rückens, das betont geschmackvolle Layout und die erlesene Qualität der Fotoreproduktion zeigen, was dieses Buch vor allem ist: ein prächtiges Beispiel für moderne Nekrophilie. Ingeborg Bachmann in Ägypten zehrt von der modernen Faszination durch den Tod und von der erotisierten Aura, die berühmte Tote heute oft umgibt. Erst der Ruhm, der zur Ikone Gewordenen und das Mysteriöse, das die Figur Bachmann seit ihrem grausamen, nicht restlos aufklärbaren Verbrennungstod umgibt, verschaffen Opels Altherrenklatsch den Schein grosser Enthüllung.
Opels Text macht sich auf anstössige und zugleich aufreizende Weise an einem Grabmal der jüngeren Literaturgeschichte zu schaffen. Der Autor weiss sehr
wohl, dass das Werk und die Person Bachmanns nach dem Tod der Autorin auch eine wichtige Bezugsgrösse feministischen Selbst verständnisses geworden sind. Und Exliebhaber Opel kokettiert immer wieder, in einer stilistischen Mischung aus treuherziger Biederkeit und boshafter Lüsternheit, damit, dass er der berühmten Toten wirklich nahe gewesen sei.
In durchaus vergleichbarer Manier nähert sich Fotograf Kurt-Michael Westermann den Artefakten der untergegangenen Nilkulturen. Sein Blick auf Ruinen, Monumentalstatuen und in das Innere von Grabkammern liefert Bilder von delikater Vollkommenheit. So problemlos schön ist das Fremde, wenn es nur tot genug ist. Dieses Ägypten gehört in seiner morbiden Monumentalität seit dem Afrika-Feldzug Napoleons dem Westen, es ist fester Bestandteil seiner grossen Fantasie vom Orient. Dass es inzwischen auch im Westen eine Kritik an diesem Orientalismus gibt, davon haben Fotograf und Autor wohl noch nicht Kenntnis genommen.
In ihrem weiterhin lesenswerten Romanfragment Der Fall Franza weist Ingeborg Bachmann darauf hin, dass die moderne Archäologie die Grabräuber vergangener Jahrhunderte durch eine besondere Schamlosigkeit übertrifft. Die Archäologen stellen die ausgegrabenen Leichen in Museen öffentlich zur Schau. Adolf Opel hat im 70. Geburtsjahr Ingeborg Bachmanns, 23 Jahre nach ihrem Tod, nur die Kammern seiner Erinnerung geplündert.
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