Koloniale Geilheit
Von Dr. Ishrak Kamaluldin
Der Titel des Bildbandes Haremsphantasien läßt Schlimmes vermuten. Es gibt in den Supermärkten des zeitgenössischen Buchhandels besondere Tische, auf denen aufgebaut wird, was ein desillusionierter Buchhändler mir gegenüber einmal “Softpornos für, Feingeister“ nannte: Fotobände, die ihr pornographisches Anliegen nur notdürftig mit ästhetischen Kinkerlitzchen, mit kulturgeschichtlicher oder ethnologischer Maskerade kaschieren.
Das Buch, das mit französischem Originaltitel Le Harem Colonial heißt, ist, anders als es sein Umschlag vermuten läßt, kein solches Machwerk. Es zeigt in vorbildlicher Reproduktion 69 französische Kolonialpostkarten. Die Aufnahmen wurden zwischen 1900 und 1925 von franzosischen Fotografen im besetzten Algerien gemacht. Die Bilder sind, von wenigen Straßenaufnahmen abgesehen, Atelieraufnahmen von großer Künstlichkeit. .Algerische Frauen, von den französischen Fotografen in den Bordellen der Kolonie rekrutiert, posieren wie auf Gemälden des ausgehenden 19. Jahrhunderts (s. Claudia Basrawi: »Gustave unter Schleiern«, KONKRET 3/95). Meist sollen eine inszenierte Halbnacktheit und die Verwendung der immergleichen »sprechenden« Bildelemente - vergitterte Fenster oder Kaffee-Service und Wasserpfeife - Haremsatmosphäre suggerieren. Die Postkarten wurden zu ihrer Zeit als Serien in hohen Auflagen fur die französischen Kolonialtruppen produziert. Heute sind sie das Objekt der Begierde zahlungskräftiger Sammler. Der in Paris lebende algerische Schriftsteller Malek Alloula hat die Bilder in thematische
Gruppen zusammengefaßt. Sein komplexer Essay beschreibt, wie sich der koloniale Blick seiner widerstrebenden Opfer bemächtigt hat und wie sich im trivialen Medium der Postkartenfotografie die kolonialisierende Gewalt, die ethnographische Lüge und die ohnmächtige Geilheit des imperialen Europas offenbaren.
Donnoch liegt der besondere Gebrauchswert dieses Buches nicht in der Dokumentation und Analyse von Vergangenem. Was es zu sehen gibt, ist auch heute, am Vorabend neuer Kriege gegen den angeblich barbarischen und unkontrollierbaren Südosten, schmerzlich aktuell. Die Fotografien zeigen, daß sich Erniedrigung und Vernichtung von Menschen anderer Kulturen in der Moderne nicht nur auf militärischem und ökonomischem Weg vollziehen. Die Auslöschung der fremden Seele geschieht bereits durch die Medien, durch die Massenproduktion von Schrift und Bild. Der Leib des anderen, die Gegenstände seines Alltags, seine Rückzugsräume werden im medialen Licht zu körperlosen Gespenstern und erbärmlichen Zerrbildern.
Tuesday, December 4, 2007
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