„W’Allah, die Zeiten sind schwierig.“
Zu George Taboris Orientroman Tod in Port Aarif.
Von Dr. Ischrak Kamaluldin
Als Dramatiker und Theaterregisseur hat George Tabori, der Achtzigjährige, den Höhepunkt seines Ruhms erreicht. Das deutsche Feuilleton nennt ihn in einem Atemzug einen ´Avantgardisten` und einen ´Klassiker. Preise und Ehrungen aller Art häufen sich, und der Name des Künstlers erringt in gewissen Konsumentenkreisen einen Bekanntheitsgrad, der ihn zum Markenzeichen macht. Kein Wunder also, daß der Steidl-Verlag einen 44 Jahre alten Roman des Autors ins Deutsche übersetzen läßt und den Titel in seinem neuen Verlagsprospekt an erster Stelle placiert.
Der Roman TOD IN PORT AARIF (im Original: THE CARAVAN PASSES) entstand zwischen 1947 und 1950, als Tabori in Hollywood für MGM und Warner Brothers als Drehbuchautor arbeitete. Die Nähe zum Film, genauergesagt zum melodramatischen Abenteuerfilm, läßt sich dem Roman auf vielen formalen und inhaltlichen Ebenen nachweisen. Die Handlung spielt in einer fiktiven, arabischen Hafenstadt in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Das Geschehen umfaßt fünf aufeinanderfolgende Tage einer Woche und konzentriert sich auf einen knappen Set miteinander agierender Hauptpersonen. Der ungarische Arzt Francis Varga, brillanter Chirurg und melancholischer Frauenheld, ist in die Stadt gekommen, um den arabischen Gouverneur El Bekkaa, der an Magenkrebs erkrankt ist, zu operieren. El Bekkaa ist nicht nur ein widerlich häßlicher Mensch und ein grausamer Despot, sondern unter anderem Päderast und Mörder der eigenen Tochter. Varga verliebt sich in die kühle Krankenschwester Pamela Vaughan, die Tochter des britischen Botschafters und auch noch unberührte Jungfrau ist. Dem schrecklichen El Bekkaa gelingt unmittelbar vor seiner Operation den aufrechten Revolutionär Marouf Feyyaz, der europäischen Freiheits- und Demokratieidealen anhängt, gefangenzusetzen. Damit ist genügend Konfliktstoff gegeben, und der Romanautor spart nicht mit Mord und Totschlag, Intrige und Heimtücke, Folter, Sex und Vergewaltigung, bis Varga auf tragische Weise und El Bekkaa, wie er es verdient, ums Leben kommen, bis Pamela Vaughan einsieht, warum sie aus eigener Schuld Jungfrau bleiben muß und der gerechte Marouf seinen gerechten Kampf fortsetzen kann.
Soweit so gut. Das Ganze ließe sich leichthin als Buch zum Film lesen, auch wenn es den Film bis jetzt noch nicht gibt. Triviale Typen agieren nach bekannten Schemata, für Spannung und Effekte wird in bewährter, manchmal etwas verstaubter Manier gesorgt. Dennoch ist der vier Jahrzehnte alte Roman ein aktuelles Ärgernis. Was dieses Einzelwerk auf unangenehme Weise über sein Genere, den abenteuerlichen und melodramatischen Orientroman, hinaushebt, sind sein selbstherrlicher Realismus- und sein penetranter Kunstanspruch. Der Autor wollte ganz offensichtlich nicht nur ein spannendes Trivialmärchen, sondern auch noch einen gültigen Zeitroman schreiben. Der Nahe Osten der unmittelbaren Nachkriegszeit, seine Völker, seine komplizierte Geschichte und seine vielschichtigen Konflikte, das alles und noch mehr, will Tabori neben Sex and Crime hinreichend darstellen und erklären. Dazu fehlten dem Autor aber trotz einiger Jahre im britischen Militärdienst und als BBC-Korrespondent die Kenntnisse, und dazu mangelte es ihm trotz seiner Versiertheit als Drehbuchautor auch an den erzählerischen Darstellungsmitteln. Tabori hangelt sich mühsam von einem gängigen Orientklischee zum nächsten. Schon im zweiten Satz des Textes werden die ´schlanken Minarette`der obligatorischen ´Moschee`ins Visier genommen. Auf der ersten Seite folgen als weitere Orientstandards die ´Fellachen`, der ´heiße Atem der Wüste`, der ´Golf `und der ´Tropenhelm`. Wenn die arabischen Figuren, der widerwärtige Despot, der taube Mullah, der schmutzige Bettler, der zwergenhafte Schuhputzer oder Ali, der Obsthändler, sprechen, hebt ihre Rede nicht selten mit einem arabischen Wort an : ´w Allah`oder mit einem arabischen Schimpfwort: `Abdul ! Sohn des Kameldungs!` Dann können nicht nur deutsche Leser, sondern auch des Deutschen kundige Orientale Typisches und Neues über die arabische Sprache erfahren.
Nicht viel besser sieht es aus, wenn der Autor den schnellen Wechsel von erzählter Aktion und Kurzdialogen aufgibt und seine Hauptfiguren Tiefschürfendes denken läßt. Sofort geht es um letzte Sinnfragen: Krankheit und Tod, Liebe und Lust, Sein oder Nicht-Sein, Schuld und Sühne. Und aus allen Figuren spricht es dann im Tonfall des Welt- und menschenkundigen Erzählers, einer Mischung aus Hamlet-Darsteller und Märchenonkel. Die großen Probleme menschlicher Existenz schwimmen und verschwimmen in einer Suppe aus Melancholie, falscher Güte und Besserwisserei. Das mag zur Zeit von Humphrey Bogart und CASABLANCA gut für den amerikanischen Markt gewesen sein, für unsere Zeit nach dem zweiten Golfkrieg ist eine solche Orient- und Weltschau eine rechte Zumutung.
Aber es gibt auch zwei Passagen im Text, die dauerhaft beeindrucken können: Die Hauptidentifikationsfigur, der ungarische Arzt Varga, erinnert sich zweimal an seine Kindheit in Transsylvanien, an die letzte Zeit Österreich-Ungarns während des Ersten Weltkriegs. Hier geht es in wenigen Abschnitten um kleine alltägliche Dinge, um den Kramladen der Eltern, um die Mißhandlung eines Schulkameraden. Hier kennt sich der Autor offenbar aus und kann auf billige Effekte und aufgeblasene Reflexion verzichten. Bezeichnenderweise sind diese beiden Rückblenden dem Gesamttext wie Fremdkörper eingepflanzt. Ihre Intensität neben der Schwäche des Rests machen den Roman zu einem Prüfstein für das Kritikvermögen aller Tabori-Fans.
Tuesday, December 4, 2007
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