Tuesday, December 4, 2007

KARL MAYS EHRENWERTE ENKEL
Orientkonzepte in der deutschsprachigen Nachkriegsliterartur

Von Dr. Ishrak Kamaluldin

Schreiben Sie selbst einen Roman, der im Orient spielt! Sie wissen, was man dazu braucht: Zu beginn ruft der Muezzin vom Minarett der Moschee. dann zieht eine Karavane Kamele durch die heiße endlose Wüste. Unter den Palmen der Oase schwingt eine Bauchtänzerin vor lüsternen Beduinen die Hüften. Ein despotischer Scheich ist durch das Öl unglaublich reich geworden, und in seinem Harem schmachten Hunderte von tiefverschleierten Frauen.
Mit diesen und wenigen anderen Bausteinen arbeitet der europäische Orientroman seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Einige Motive wie der blutrünstige Mohammedaner reichen bis ins Mittelalter zurück. Das eine oder andere Klischee wie der märchenhafte Reichtum der Sultane und Scheichs verschiebt sich in seinen Teilinhalten von Gold, Diamanten und Sklaven hin zu Drogen, Waffen und Öl. Die Trivialliteratur und der Film haben diese Bilder zum Allgemeingut der westlichen Kultur gemacht. Wenn INDIANA JONES zum LETZTEN KREUZZUG in den Nahen Osten aufbricht, genügen Drehbuchautoren und Regisseur nur zwei, drei dieser Klischees, und der Zuschauer assoziert die gewünschte orientalische Atmosphäre: exotischen Zauber, märchenhafte Erotik und unberechenbare Gefahren.
Darüber kann der gebildete Intellektuelle nur lächeln. Denn er hat nicht bemerkt, daß die gleichen stereotypen Vorstellungen auch bei seinen Lieblingsautoren in der gehobenen deutschsprachigen Literatur bei Wolfgang Hildesheimer, Ingeborg Bachmann oder Edgar Hilsenrath.auftauchen.
Wie das Vorurteil lebt auch das kulturelle Klischee von einem Kern Wahrheit. Die arabische Wüste gibt es ja tatsächlich, und das Kamel war und ist ein wichtiges Nutztier des Orients. Bei einigen Autoren und Autorinnen ist dieser Anteil Wirklichkeit sogar Teil ihrer individuellen Lebenserfahrung: Erhart Kästner war deutscher Kriegsgefangener in einem Wüstenlager am Suez-Kanal. Ingeborg Bachmann hat vor ihrer Arbeit am Roman MALINA Ägypten bereits besucht. Wolfgang Hildesheimer hat in
Israel gelebt. Barbara Frischmuth ist promovierte Orientalisten. Wenn diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller sich in ihren Erzähltexten auf die Länder des Nahen Ostens beziehen, scheint dies zunächst berechtigt im Sinne ihres jeweiligen Realismus-Konzepts. Die moderne Welt, die sie darstellen
wollen, läßt sich nicht mehr auf Europa begrenzen
Wer die moderne deutschsprachige Literatur schätzt und dennoch kritisch liest, muß erstaunt sein, mit welchen schlafwandlerischer Sicherheit auch die guten Autoren zum Orientklischee finden. Elias Canetti eröffnet seinen autobiographischen Erzählband DIE STIMMEN VON MARRAKESCH mit einem Kapitel über Kamele. Wolfgang Koeppen läßt den negativen Helden seines Romans TOD IN ROM, den SS General Judejahn, in einem arabischen Königreich untertauchen, in dem es nur brutale Wüstenhitze und schwüle Haremsatmosphäre zu geben scheint. Die sogennante gehobene Literatur arbeitet dabei ganz ähnlich wie die Trivialliteratur mit den Techniken Selektion, Entdifferenzierung und Verallgemeinerung. Aus der Vielzahl denkbarer Eindrücke wird das Klischee ausgewählt. Seine Beschreibung folgt undifferenziert den traditionellen Darstellungsweisen. Es wird durch seine isolierte Heraushebung zum verallgemeinerten Zeichen, zum Orientmerkmal schlechthin.
Seit E.W.Saids Untersuchungen zu den Orientkonzepten der englischen und französischen Kolonialzeit wissen wir, daß die Orientbilder der Literatur und Malerei in einem größeren kulturellen Zusammenhang gesehen werden müssen. In Frankreich und England tragen die orientalisierenden Romane und Gemälde ganz wesentlich dazu bei, ein engfaßtes und dominantes Bild der beherrschten Länder und Völker zu umreissen. Dieses Orientbild ist Fessel und Freiraum zugleich. Den Kolonialmächten dient es dazu, einige unterdrückte Ängste und Lüste ästhetisch auszuleben. Die betroffenen Länder des nahen und fernen Ostens werden durch die mächtigen Klischees in der Erfassung ihrer Lebenswirklichkeit behindert. Der ´Orientalismus` zwingt dem realen Orient das westliche Orientbild auf.
Die deutschsprachigen Länder waren nie Kolonialmächte im Orient. Ist ihre Literatur deshalb frei vom autoritären, ja gewaltsamen Charakter der Orientalismuskonzepte? Wandeln die deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit ganz unbefangen auf Karl Mays oder gar Goethes Spuren? Eine genauere Analyse erweist schnell, daß sich auch bei ihnen die exotischen Klischees um tiefersitzende und komplexere Vorstellungen gruppieren. Auch in den deutschsprachigen Texten findet ein Transfer eigener Inhalte in Richtung Orient statt. Das zeigt sich bereits auf der Ebene der Figuren. Der in den Orient geflohene und dort neuetablierte Nazi-Verbrecher finden sich bei Koeppen und Bachmann. In Hildesheimers MASANTE fühlt sich der Erzähler noch in der arabischen Wüste von Nazi-´Schächern`verfolgt. Hilsenrath und Nicolas Born machen in ihren Romanen die Türkei, beziehungsweise den Libanon zum Schauplatz von organisierten Massakern, die auf den Massenmord an den europäischen Juden verweisen. Der Nahe Osten der Romane bewahrt hier in gewisser Weise das eigene Böse der deutschen Geschichte. Er wiederholt die Schreckenstaten Europas oder hat sie bereits vor Europa vollzogen.
Dieses Konzept des Orients als Ort eines völkermordenden Despotismus ist nur eines von mehreren Konzepten, die die deutschsprachige Literatur entwirft, und die sie den betroffenen Ländern überwirft. Die Aufdeckung und Analyse dieser Vorstellungsgebilde verrät uns viel darüber, wie sich eine reale Region durch eine organisierte Kombination von Fremden und Eigenen in einen virtuellen Ort verwandelt. Die Kraft der europäischen Orientkonzepte scheint ungebrochen. Der Orientalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen wird uns ästhetisch und politisch weiter beschäftigen.

No comments: